parteibürokratie
Um schließlich auf Paretos und Sorels verhältnismäßig frühe Einsichten zurückzukommen, daß man es nicht eigentlich mehr mit Personen und einander feindlich gegenüberstehenden Klassen, sondern mit einem »System« zu tun hat, in dem sich alle gleicherweise verhalten und in die Hände spielen: Je mehr die Bürokratisierung des öffentlichen Lebens zunimmt, desto stärker wird die Versuchung sein, einfach zuzuschlagen. Denn in einer vollentwickelten Bürokratie gibt es, wenn man Verantwortung verlangt oder auch Reformen, nur den Niemand. Und mit dem Niemand kann man nicht rechten, ihn kann man nicht beeinflussen oder überzeugen, auf ihn keinen Druck der Macht ausüben. Bürokratie ist diejenige Staatsform, in welcher es niemanden mehr gibt, der Macht ausübt; und wo alle gleichermaßen ohnmächtig sind, haben wir eine Tyrannis ohne Tyrannen. Was die Studentenunruhen in der ganzen Welt miteinander gemeinsam haben, ist, daß sie sich überall gegen die bestehenden Bürokratien richten. Das erklärt, was auf den ersten Blick so verwirrend wirkt, daß nämlich die jungen Rebellen im Osten genau die Rede- und Gedankenfreiheiten fordern, welche ihre Kollegen im Westen als irrelevant ablehnen oder gar für eine Art von Betrug halten. Im Rahmen ideologischen Denkens, in denen diese Diskussionen zumeist geführt werden, ist das schwer verständlich; im Rahmen der wirklichen Tatbestände stellt sich die Sache einfacher dar. Schließlich ist es den ungeheuren Parteiapparaten überall gelungen, die Staatsbürger inklusive der Parteimitglieder völlig zu entmachten, und dies gilt auch für die Länder, in denen der Schutz der elementaren Bürgerrechte noch funktioniert. Die Rebellen des Ostens fordern Rede- und Gedankenfreiheit als die unerläßliche Vorbedingung politischen Handelns; die Rebellen des Westens leben unter Verhältnissen, in denen diese Vorbedingungen nicht mehr die Wege des politischen Handelns öffnen. Worum es im Westen geht, ist tatsächlich der »Praxisentzug«, wie Jens Litten es sehr treffend genannt hat. Das Absterben des Staates und des Gemeinsinns, der sich nur in einem öffentlichen Raum zur Geltung bringen kann, der damit verbundene »Praxisentzug« und das Überhandnehmen der reinen Verwaltung – von der sich noch Engels, uns unverständlicherweise, so viel versprach -, all dies hat eine lange Geschichte, die mit der Neuzeit anhebt. Aber dieser Prozeß ist in den letzten hundert Jahren durch das Aufkommen der riesigen Parteibürokratien noch erheblich beschleunigt worden. (Vor siebzig Jahren hat Pareto bereits gemeint, daß »die Freiheit, worunter ich die Macht zu handeln verstehe, in den sogenannten freien und demokratischen Ländern – außer für Verbrecher — täglich mehr zusammenschrumpft«.
Was den Menschen zu einem politischen Wesen macht, ist seine Fähigkeit zu handeln; sie befähigt ihn, sich mit seinesgleichen zusammenzutun, gemeinsame Sache mit ihnen zu machen, sich Ziele zu setzen und Unternehmungen zuzuwenden, die ihm nie in den Sinn hätten kommen können, wäre ihm nicht diese Gabe zuteilgeworden: etwas Neues zu beginnen. Philosophisch gesprochen ist Handeln die Antwort des Menschen auf das Geborenwerden als eine der Grundbedingungen seiner Existenz: da wir alle durch Geburt, als Neuankömmlinge und als Neu-Anfänge auf die Welt kommen, sind wir fähig, etwas Neues zu beginnen; ohne die Tatsache der Geburt wüßten wir nicht einmal, was das ist: etwas Neues; alle »Aktion« wäre entweder bloßes Sichverhalten oder Bewahren. Keine andere Fähigkeit außer der Sprache, aber weder Verstand noch Bewußtsein, unterscheidet uns so radikal von jeder Tierart. Etwas tun und etwas beginnen ist nicht das gleiche, aber beides ist eng miteinander verknüpft. Alle dem Leben zugeschriebenen schöpferischen Qualitäten, die sich angeblich in Macht und Gewalt manifestieren, sind in Wahrheit einzig der Fähigkeit zu handeln geschuldet. Zeugen und Gebären sind so wenig »schöpferisch« wie Sterben eigentlich »vernichtend« ist. Sie sind nur die verschiedenen Phasen des gleichen, unvergänglichen Kreislaufs, in den alles Lebendige gebannt ist. Macht und Gewalt sind keine Naturphänomene und können mit Metaphern, die dem Lebensprozeß entnommen sind, niemals adäquat erfaßt werden. Ich glaube, es läßt sich nachweisen, daß keine andere menschliche Fähigkeit in solchem Ausmaß unter dem »Fortschritt« der Neuzeit gelitten hat wie die Fähigkeit zu handeln. Denn Fortschritt nennen wir den erbarmungslosen Prozeß des Mehr und Mehr, Größer und Größer, Schneller und Schneller, der immer gigantischerer Verwaltungsapparate bedarf, um nicht im Chaos zu enden. Woran Macht heute scheitert, ist nicht so sehr die Gewalt als der prinzipiell anonyme Verwaltungsapparat. Auf dem Höhepunkt des tschechoslowakischen Experiments mit der Freiheit definierte der Schriftsteller Pavel Kohout den freien Bürger als einen »Bürger-Mitregenten«. Damit meinte er nichts anderes als jene Mitbestimmungsdemokratie (participatory democracy), die in den letzten Jahren im Westen überall den modernen Repräsentativ-Systemen entgegengestellt worden ist. Kohout fügt hinzu, daß die Welt offenbar eines »neuen Beispiels« bedürfe, sollen »die nächsten tausend Jahre nicht zu einem Zeitalter überzivilisierter Affen« führen – bzw. die Menschen, wie der weit pessimistischere russische Physiker Sacharow ausführt, zu Hühnern oder Ratten werden, denen man »mittels mit dem Gehirn gekoppelten Elektroden« »angenehme elektronische Reize« versetzt und die von den »weisen Ratschlägen ihrer künftigen geistigen Helfer, den künstlichen Denkautomaten« regiert werden. Abgesehen von allem anderen: »Die Ratschläge können sich als unerwartet hinterhältig erweisen, die nicht menschliche Ziele, sondern den Sinn einer Lösung abstrakter, unvorhergesehen im künstlichen Gehirn umgeformter Aufgaben verfolgen.«
aus: hannah arendt: “macht und gewalt”, 1970
